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Christian Gülich

Bist Du introvertiert oder extrovertiert ?

Rede bei einem HanseRedner-Treffen im Juli 2006

Zum Thema meiner heutigen Rede wurde ich durch einen kürzlich in unserem Toastmasters-Magazin erschienenen Beitrag (Heft vom April 2006) inspiriert. Hierin wurden eine introvertierte und eine extrovertierte Person gegenüberstellt, und es wurde danach gefragt, wie beide Typen von Personen von den Toastmasters profitieren können? In meiner Rede möchte ich diese sehr interessante Gegenüberstellung noch einmal kurz zusammenfassen und dann in einen größeren methodischen Zusammenhang stellen. Die zentrale Frage dabei ist: was sind die wichtigsten Eigenschaften einer qualifizierten Führungspersönlichkeit, und inwieweit hilft die Toastmasters-Methode dabei?

Zurück zum genannten Artikel mit seiner Gegenüberstellung von Persönlichkeitstypen:

Der Introvertierte - wie kann er sich durch Toastmasters weiterentwickeln? Er drückt seine Gedanken eher schriftlich als mündlich aus, die Struktur der Toastmasters-Treffen ermöglicht die verbale Artikulierung von Gedanken vor einer Gruppe in kontrollierter Form.

Der "scheue" Introvertierte - wie profitiert auch er von Toastmasters? Er kann bereits den Wunsch haben, öffentlich zu reden, um mögliche Gefühle der Isolation zu überwinden. Am wichtigsten ist für ihn ein "strukturiertes Feedback", um seine Fähigkeiten weiterzuentwickeln.

Der Extrovertierte - was muss er von Toastmasters lernen? Vordringlich für ihn sind Organisation, Zielgerichtetheit und Klarheit der Gedanken. Er muss "lernen zu denken, bevor man spricht", Teil eines Ganzen zu sein, den Wert eines echten Dialoges und die Fähigkeit des Zuhörens wertzuschätzen.

Sehr bemerkenswert ist, dass in diesem Artikel eine Verbindung von extrovertiertem Verhalten und US-amerikanischer Mentalität hergestellt wird. Frei übersetzt meint die Autorin, dass Extrovertiertheit sehr stark zum amerikanischen "Image", also Bild und Selbstbild, gehört, dieses aber nicht überall in der Welt gleichermaßen befürwortet wird. Viele Kulturen geben "introvertierten" Grundeinstellungen wie Bescheidenheit, Reflexion, Demut und Toleranz einen hohen Wert. Wenn ein amerikanischer "Extrovertierter" mit diesen Kulturen in Kontakt kommt, tut er gut daran, sein "natürlicherweise" ausgelassenes Benehmen zu dämpfen und seine sozialen Verhaltensweisen an die seiner Umgebung anzupassen (vgl. S. 26).

Diese interkulturelle Fragestellung kann ich im Rahmen meiner Rede leider nicht weiterfolgen, wollte sie aber dennoch erwähnen. Den skizzierten Gegensatz zwischen Introvertiertheit und Extrovertiertheit möchte ich stattdessen zum Ausgangspunkt nehmen, um zu fragen: welche anderen Methoden bestehen, um die eigene Expressivität zu verstärken ? Als Beispiele seien genannt:

Die Besonderheit der Toastmasters-Methode besteht darin, klassische Rhetorik mit dem Einüben von Führungsqualitäten zu verbinden. Als wohl typisch US-amerikanischer Stil muss dabei angesehen werden, dass Emotionalität und Emphase stark betont werden und diese mit einem gewissen Sendungsbewußtsein ("Mission of a Toastmaster") verknüpft werden. Hierin kommt die Überzeugung zum Ausdruck, dass es möglich sein soll, durch die Entwicklung von Persönlichkeit zu einer "Weltverbesserung" beizutragen. Man mag dieses als zu simpel kritisieren, aber diese Zielsetzung steht letztlich mit dem erzieherischen Ideal der "Aufklärung" des 18. Jahrhunderts völlig in Einklang.

Die Toastmasters-Methode eignet sich besonders für eine Anwendung im beruflichen Umfeld (wie Präsentationen, Verhandlungen, Projektmanagement usw.), aber es wäre schade, wenn das Zusammenspiel von introvertierten und extrovertierten Eigenschaften hierauf beschränkt werden würde. Dieses möchte ich an zwei Fragestellungen bezüglich des Selbstverständnisses von Toastmasters-Clubs verdeutlichen:

Meine Antwort auf die zweite Frage lautet eindeutig: natürlich nicht! Jedes Mitglied muss für sich selbst definieren, in welchen Zusammenhängen es freie Rede und bestimmte Führungsqualitäten einsetzen möchte: im Beruf, in der Familie, in Vereinen und Organisationen oder als allgemeines Mittel zur Persönlichkeitsentwicklung. In allen diesen Bereichen ist die höchste Qualität bei ihrer Anwendung gleichermaßen notwendig.

Als Beispiel für Reden zu besonderen Gelegenheiten möchte ich auf familiäre Anlässe verweisen wie Geburtstag, Hochzeit oder Todesfall und Beerdigung. Bei all diesen Anlässen müssen die exakt "richtigen" Worte gefunden werden, um nicht emotionale Verletzungen und sogar langwierige Konflikte zu provozieren. Positiv gewendet, bedeutet dies: Toastmasters sind geradezu eine schauspielerische Bühne zum Ausprobieren unterschiedlichster Selbstfindungen oder Selbsterfahrungen und - implizit - damit auch der Möglichkeit von Selbstdarstellungen!

Zur Frage der Verknüpfung von Extroviertheit und Führungsqualitäten möchte ich auf ein anderes methodisches Schema kurz eingehen. Dieses Schema habe ich bei einem Coaching-Training kennen und schätzen gelernt: das so genannte DISG-Schema.

Vier grundsätzliche Eigenschaften von Führungspersönlichkeiten bestehen nach diesem Schema, wobei alle vier jeweils positive und negative Aspekte haben:

Das DISG-Schema kann zur weiteren Veranschaulichung als eine Vierfeldertafel dargestellt werden. Entscheidend ist, dass die ideale Führungspersönlichkeit nicht diejenige ist, die einen Überanteil von Dominanz und Initiative besitzt, sondern diejenige, die sich genau in der Mitte dieses Schemas befindet. Die ideale Führungspersönlichkeit besitzt von allen vier Eigenschaften gleichwertig viel, sie befindet sich in einem immer neu auszutarierenden Gleichgewichtszustand. Extrovierte Eigenschaften (Dominanz und Initiative) und introvertierte Eigenschaften (Stetigkeit und Gewissenhaftigkeit) können sich ergänzen und müssen in ein Gleichgewicht gebracht werden. Das DISG-Schema bietet einen genauen Maßstab dafür.

Meine Rede möchte mit zwei Schlußfolgerungen zusammenfassen: Die aktive Mitgliedschaft in einem Toastmasters-Club bietet sowohl für introvertierte als auch für extrovertierte Personen eine ausgezeichnete Möglichkeit, durch Gruppendynamik und gezieltes Feedback an den jeweiligen individuellen "Schwächen" zu arbeiten. Dafür ist es sinnvoll und ratsam, auch andere Methoden für die Analyse von Persönlichkeits- und Führungsqualitäten zu berücksichtigen wie das DISG-Schema, das ich vorgestellt habe.

Am Wichtigsten ist mir aber, dass es nicht nur um einen professionellen Anspruch geht, so wichtig und hilfreich dieser ist. Sondern es geht um die Schaffung einer Bühne, eines Experimentierfeldes, in das Gedanken, Stimme, Gestik und Mimik, der gesamte Körperausdruck einfließen, die uns als Individuum gegenüber anderen entscheidend definieren.

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