Fotos/Clips Literatur
Infobrokerage
Soziologie Politik
Kontakt/Impressum
Prag - die goldene Stadt an der Moldau, wie es so schön heißt. Sicherlich sind einige von Euch schon einmal da gewesen und vom Wenzelsplatz über die Karlsbrücke zum Hradschin auf der anderen Uferseite gegangen. Ich selbst bin vor vier Jahren dort gewesen und in der barocken Altstadt hat mir besonders auch das alte jüdische Viertel gefallen, die Josephstadt. In diesem jüdischen Viertel gibt es mehrere Synagogen, die besichtigt werden können, und eine davon ist die so genannte Altneusynagoge. Die Altneusynagoge war im 18. Jahrhundert Wirkungsstätte eines berühmten Rabbiners, des Rabbi Löw. Der Legende nach hat der Rabbi Löw nämlich den GOLEM erschaffen, der die erste mythische Figur ist, von der ich Euch etwas erzählen möchte.
Der Golem war eine menschähnliche Figur, die vollständig aus Lehm bestand und vom Rabbi durch eine mystische Formel zum Leben erweckt wurde. Der Golem war stumm und gehorchte nur dem Rabbi oder den Personen, denen der Rabbi erlaubt hatte, Befehle zu geben, wie etwa seiner Frau. Der Golem erledigte jeden Auftrag, der ihm gegeben wurde. Allerdings musste darauf geachtet werden, dass die Aufträge präzise formuliert wurden, denn sonst konnte es passieren, dass er anfing, Unsinn oder Schabernack zu treiben. So sollte er einmal nur etwas Wasser aus der Moldau holen und setzte schließlich das ganze Haus des Rabbis unter Wasser, da niemand ihm gesagt hatte, wann er mit dem Wasserholen aufhören sollte. In diesem Sinne erinnert er etwas an den Zauberlehrling von Goethe, den uns Manfred neulich vorgetragen hatte.
Der Golem wurde sogar zum Thema einer der Stummfilme, Anfang der 1920er Jahre, und ich zeige Euch hier eine Abbildung aus einem aktuellen Reiseführer über Prag. In einem ganz anderen Zusammenhang bin ich vor Kurzem erneut auf dem Golem aufmerksam gemacht worden, nämlich durch einen Zeitungsartikel über Roboter-Technik. Dort wurde Golem wie folgt definiert: Genetisch Organisierte Lebensähnliche Elektro-Mechanik. Das ist also der Golem des 21. Jahrhunderts!
Ganz analog zum Golem als Roboter bin ich durch einen SF-Roman auf eine andere mythische Figur gestoßen, den DYBBUK. Der jüdischen Mythologie nach ist der Dybbuk der Geist einer verstorbenen Person, der in einer anderen Person weiterleben möchte. Das hört sich vielleicht etwas gruselig an, ist es aber nicht, denn der Dybbuk wird in abgewandelter Form zur Grundlage der "Seelenbank" von Robert Silverberg. Bei der "Seelenbank" geht es um die Möglichkeit, den kompletten Inhalt unseres Gehirns, seine Erfahrungen, sein Wissen, sogar sein Unterbewußtsein, gewissermaßen zu "scannen" und elektronisch zu speichern. Wenn es dann in eine andere Person implantiert wird, können wir weiterleben. Die Hauptperson, der unser Gehirn implantiert wurde, profitiert gleichzeitig von unserer Lebenserfahrung und unserem Wissen. Auf diese Weise sind wir dem alten Menschheitstraum, der Unsterblichkeit, ein bisschen näher gerückt.
Abschließend möchte ich eine dritte mystische Figur zumindest erwähnen. Es ist AHASVER, die Figur des in der Diaspora ewig herumirrenden Juden. Auch diese Figur ist eine eher tragische Figur, sie wird aber in dem gleichnamigen Roman von Stefan Heym völlig neu präsentiert. Das besondere an diesem Roman ist, dass er auf drei Zeitebenen spielt: Palästina zur Zeit der Römer, Deutschland zur Zeit Martin Luthers, der auch selbst auftritt, sowie in der ehemaligen DDR. Jedesmal taucht Ahasver völlig unvermittelt auf, greift stark in das Geschehen der beteiligten Personen ein und verschwindet schließlich genau so plötzlich und unerklärlich, wie er erschienen war. Kurios ist dabei besonders das Verschwinden aus dem früheren Ost-Berlin. Er hinterläßt nämlich ein großes Loch in der Wand eines Hauses, welches natürlich nahe bei der ehemaligen Mauer steht. Dadurch wird er sogar zum Fall für die DDR-Grenzpolizei. Hier macht Heym im Grunde genommen eine herrliche Persiflage über die absurde Situation des geteilten Berlins, die er sogar noch zu DDR-Zeiten 1980 veröffentlichte.
Abschließend bleibt mir nur zu sagen, dass ich es selbst als höchst spannend empfunden habe, auf welch unterschiedlichen Wegen alte mythische Figuren neu entdeckt werden können.