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Christian Gülich

Umberto Eco: Das Foucaultsche Pendel (1988)

Rede bei einem Toastmasters-Treffen in Kiel im September 2003

Umberto Eco wurde weltberühmt mit dem Roman Der Name der Rose (1980), verfilmt unter dem gleichnamigen Titel mit Sean Connery als Hauptdarsteller in der Rolle des William von Baskerville. Seine nachfolgenden Romane waren Das Foucaultsche Pendel (1988), Die Insel des vorigen Tages (1994) und Baudolino (2000). Aber Eco ist nicht nur ein Schriftsteller, sondern er ist seit 1975 Professor für Semiotik an der Universität Bologna. Seine Romane sind deshalb nicht nur als historische Kriminalgeschichten zu verstehen, was ich anhand des Foucaultschen Pendels kurz zeigen möchte.

Drei Lektoren eines Mailänder Verlages erfinden die Geschichte einer okkulten Verschwörung, deren Ursprung auf den mittelalterlichen Orden der Tempelritter und der Rosenkreuzer zurückgeht und die im Milleniumjahr 2000 Wirklichkeit werden soll. Diese Grundidee, die das Leitmotiv für eine neue Buchreihe des Verlages sein soll, wird aber von einer bestehenden Geheimgesellschaft für wahr, d.h. eine real existierende Verschwörung gehalten, da sie sich in ihrem gemeinschaftlichen Bekenntnis selbst auf die Tempelritter bezieht. Am Anfang unabsichtlich und aus purer Neugierde werden die drei Lektoren langsam immer tiefer in das Netz der Überzeugungen und Rituale dieser Geheimgesellschaft eingesponnen, bis sie schließlich entdecken, dass sie zur Zielscheibe einer tödlichen Bedrohung geworden sind - aber da ist es bereits zu spät.

Dies ist die Rahmengeschichte des Romans. Für den Leser muss Eco den gesamten historischen, religiösen und mystischen Hintergrund erklären. Die Einführung in diese Geschichte des Okkultismus findet durch die Diskussionen der drei Lektoren über ihr Leitmotiv statt. Die Tempelritter werden während der Kreuzzüge zum Schutz der Pilger nach Palästina gegen die Moslems gegründet. Nach mehr als 100 Jahren sind sie eine so starke und militärische Organisation in ganz Europa, dass sie mit Einwilligung des Papstes, dem allein zu Gehorsam verpflichtet sind, vom damaligen französischen König verboten und verfolgt werden. Dies ist der Beginn des Mythos der Tempelritter als Geheimorganisation. Aufgefrischt wird er von den Rosenkreuzern im 17. Jahrhundert, die als christliche Sekte bis heute existieren.

Eco gibt eine detaillierte Beschreibung alchemistischer Experimente und Rezepte, erklärt die Bedeutung der Astrologie für den Bau mittelalterlicher Kirchen und Festungen und führt in die mystische Bedeutung von Zahlen und ihrer biblischen Symbole ein. Außerdem beschreibt er die Teilnahme der drei Verleger an einem großen Fest der Geheimgesellschaft mit einer Einweihung in okkulte Rituale wie die der Druiden. Er führt den Leser Kapitel für Kapitel in diese Welt voller Mysterien ein und erst nach etwa 400 Seiten beginnt eigentlich die Rahmengeschichte. Es soll hier nichts über diese Kriminalgeschichte und vor allem ihr spannendes Ende erzählt werden, denn vielleicht möchte einer der Anwesenden diesen Roman noch lesen. Wichtiger ist das grundsätzliche Verständnis des spirituellen, ja spiritualistischen Universums, welches Eco m.E. so ausgezeichnet darstellt.

Als abschließendes Beispiel sei noch einmal auf die Rosenkreuzer eingegangen: Die ersten Schreiben über diese Sekte erscheinen zu Anfang des 17. Jahrhunderts, d.h. gerade zu Beginn des Dreißigjährigen Krieges in Deutschland, der mehr als die Hälfte der Bevölkerung zum Opfer fällt. Dies erklärt die gesteigerte Bedeutung der Medizin als Wissenschaft, die aber damals noch nicht vollständig von der Alchemie getrennt war. Eco zeigt diese Vermischung am Beispiel der so genannten “Waffensalbe”. Wird jemand durch ein Schwert verletzt, soll die Waffensalbe mittels Magnetismus wirken. Sie wird nicht direkt aufgetragen auf den verletzten Arm z.B., sondern auf das Schwert, mit dem die Verletzung zugefügt wurde, und das Schwert wird in die Nähe des Verletzten gelegt. Auf die heilende Wirkung muss dann nur noch gewartet werden. Diese medizinische Praxis wird im Foucaultschen Pendel allgemein erklärt, in der Insel des vorigen Tages wird sie zum wesentlichen Bestandteil der Rahmengeschichte. Eco greift also auf dieselben Elemente in verschiedenen seiner Romane zurück.

Als Schlussfolgerung kann deshalb eindeutig gesagt werden, dass seine Romane nicht nur als spannende historische Krimis, sondern gleichzeitig als eine eindringliche Warnung vor okkultem Denken und Verführung zu verstehen sind. Wer sich eingehender mit mittelalterlicher Naturwissenschaft und Technik sowie Medizin und Alchemie beschäftigen möchte, der sei auf das Sonderheft der Zeitschrift Spektrum der Wissenschaft: Forschung und Technik im Mittelalter (2002) verwiesen.

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