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Der junge Roberto muss zum ersten Mal das elterliche Landgut verlassen, als die Stadt Casale am Po von den Spaniern belagert und von norditalienischen und französischen Truppen verteidigt wird. Auf diese Weise lernt er (und der Leser) nicht nur die Belagerungs- und sonstigen Kriegstechniken seiner Zeit kennen, sondern auch die Verwicklungen der europäischen Politik in der Folge des in Deutschland wütenden Dreißigjährigen Krieges. Des Weiteren wird er eingeführt in die Sitten und Gebräuche der damaligen höfischen Gesellschaft. Ein italienischer und ein spanischer Adliger erläutern ihm die Kunst der Weltklugheit bzw. des Dissimulierens (Kap. 11), die in ihrer Scharfsinnigkeit bis zum heutigen Tage nichts an Gültigkeit verloren haben dürfte. Ein französischer Adliger, Saint-Savin, erklärt ihm, wie Liebesbriefe an die Damen der feinen Gesellschaft, die so genannten Précieuses, verfasst werden, welches die wichtigsten Degenstöße im Duell sind und welche antiklerikalen pyrrhonistischen Denkweisen damals um sich greifen (Kap. 5 und 8).
Im Gegensatz zum Foucaultschen Pendel, in dem Eco explizit “die antiklerikalen Väter des italienischen Risorgimento” (Kap. 91) erwähnt, lässt er den Klerikern dieses Mal sehr unterschiedliche Rollen zukommen. Während ein französischer Abt mit dem Degen die Ehre von Kirche und Papst gegen Saint-Savin verteidigt, zeigt Pater Emanuele dem jungen Roberto seine Aristotelische Maschine: diese Maschine ist eine komplizierte Holzkonstruktion zur Schaffung immer neuer logischer Verknüpfungen zwischen mathematischen, philosophischen, ästhetischen und sonstigen wissenschaftlichen Begriffen. Und der Kanonikus von Digne, den Roberto auf seinem Weg von Casale über Südfrankreich nach Paris kennen lernt, wird an verschiedenen Stellen als Beispiel eines möglichen toleranten Denkens auch durch einen Kleriker angeführt.
In Paris erfährt Roberto und mit ihm der Leser auch die Hintergründe für die ungeplante Schiffsreise auf die südliche Erdhalbkugel: es geht um die exakte Bestimmung der Längengrade, die für die Navigation der Schiffe unabdingbar ist, aber zum damaligen Zeitpunkt noch nicht möglich war. Frankreich befindet sich mit den anderen europäischen Seemächten, insbesondere aber mit England und den Niederlanden, gewissermaßen in einem technologischen Wettbewerb, bei dem jede auch noch so abstruse Idee überprüft werden muss. Eco greift auf eine alchimistische Lehre zurück, das so genannte sympathetische Pulver, welches wie die Waffensalbe auch über eine große Distanz eine Wunde entweder heilen oder weiter offen halten kann (Kap. 16-17). Dieses alchimistische Wundermittel soll von den Engländern auch zur Bestimmung der Längengrade eingesetzt werden und Roberto bekommt den Auftrag, sich als Spion auf ein holländisches Schiff zu begeben, um anschließend hierüber berichten zu können (Kap. 19.). Wir wissen nicht, ob es eine solche Schiffsexpedition jemals gegeben hat, historisch korrekt ist allerdings, dass es den Engländern erst im 18. Jahrhundert gelang, mittels See tauglicher Uhren das Problem der Bestimmung der Längengrade zu lösen.
Mit den Längengraden zeigt Eco weitere wissenschaftsgeschichtliche Felder seines Romans, welche Nautik, Geographie und Astronomie sowie Medizin und Alchemie der beginnenden Neuzeit umfassen. Aber auch in der Erzählstruktur gibt es eine Veränderung. Bis zu diesem Zeitpunkt war die Entwicklung der Parallelerzählungen immer rückwärts gewandt: Roberto befindet sich nach dem Schiffbruch auf der Daphne, die er nach und nach erkundet. Gleichzeitig schreibt er sozusagen seine Memoiren auf, die ihn in seine eigene Gegenwart auf der Daphne führen. Die Paralleluniversen, die Eco von diesem Punkt ab entwirft, bleiben zunächst in (Robertos) Gegenwart, bis sie schließlich ganz in den Bereich des Imaginären drehen.
Entscheidender Wendepunkt in der Erzählung ist Robertos Entdeckung, dass er doch nicht allein auf dem Schiff ist, sondern es einen zweiten Passagier gibt: dieser entpuppt sich als ein deutscher Mönch des Jesuiten-Ordens, Pater Caspar Wanderdrossel (Kap. 21). Eco zeichnet ein sehr humorvolles Bild dieser teilweise äußerst skurrilen Persönlichkeit, unterstrichen durch die ausgezeichnete Übersetzung, die Pater Caspars Worte und Reden im Deutsch des 17. Jahrhunderts wieder gibt. Tief in seiner Frömmigkeit verankert (vgl. den “Dialog über die hauptsächlichsten Weltsysteme“), ist er doch gleichzeitig ein Mann der Wissenschaften und erklärt Roberto “allerley kunstreiche Maschinen”, so die Specula Melitensis (eine Art Teleskop), das Perspicillum (eine Art Taucherbrille), sogar das Microscopo (zur Entdeckung von Krankheitserregern im Blut, was von der damaligen Schulmedizin aber noch nicht anerkannt wird) und das Horologium Catholicum (eine Art Weltuhr). Es ist sehr wahrscheinlich, dass Eco sich eine historische Figur für diesen Pater zum Vorbild nahm, nämlich den deutschen Jesuiten Athanasius Kircher (1602-1680), der sich in vielen seiner zahlreichen Schriften mit eben diesen Entdeckungen auseinander setzte und für seine Zeit als Universalgelehrter galt. Sein Organum Mathematicum erinnert überdies an die vorher geschilderte Aristotelische Maschine. Hinzu kommt, dass Eco mehrfach auf ihn verweist, so auch im Foucaultschen Pendel (Kap. 78 und 88). Durch die Figur des Paters Caspar läßt Eco den Jesuiten eine recht positive Rolle zukommen, während sie im Foucaultschen Pendel noch Teil der Weltverschwörung sind, als Initiatoren der Rosenkreuzer angeführt werden, aber letztlich von Maria Magdalena (!) verführt und symbolisch ausgeschaltet werden (Kap.97).
Mit seiner letzten Erfindung, der Campana Aquatica oder Wasserglocke, will Pater Caspar auf dem Meeresgrund gehend die Insel erreichen, da auch er nicht schwimmen kann. Aber Roberto muss schließlich schmerzlich zur Kenntnis nehmen, dass der Pater sein Ziel nicht erreicht, und er sich nun wieder und dieses Mal definitiv allein auf der Daphne befindet (Kap. 25). Aus Trauer und Wut über seine verzweifelte Situation flüchtet er sich von nun an immer stärker in eine irreale Gedankenwelt, in der eine Person zum Dreh- und Angelpunkt wird: sein angeblicher Halbbruder Ferrante. Eco läßt Ferrante schon während der Belagerung von Casale zum ersten Mal in die Erzählung eingreifen, aber durch die Erklärungen von Saint-Savin wird Roberto verdeutlicht, dass es sich nur um einen “Doppelgänger” handelt, der durch “unmerkliche Gedanken..., welche die Seele prägen, ohne dass die Seele sich dessen bewusst ist”, in Erscheinung tritt: “Demnach steht Ferrante für Eure Ängste und für das, wofür Ihr Euch schämt” - mit anderen Worten: für das Unterbewusstsein (Kap. 8). In seiner Ausweglosigkeit auf der Daphne lässt Roberto Ferrante all das in seinem Leben noch einmal erleben, was zu seinem Unglück geführt hat, wobei dieser als sein “böses Alter-Ego” nicht nur Opfer sondern auch Täter ist. Mit der “Seele Ferrantes” beschreibt Eco den Prototyp eines skrupellosen Emporkömmlings, für den in jeder Situation nur der eigene materielle und soziale Erfolg von Bedeutung ist und der sich auch für Handlangerdienste nicht zu schade ist (Kap. 29 und 31). Mit ihm durchlebt Roberto auch seine unerfüllten Liebeswünsche bei den Pariser Précieuses, da er selbst in eine “Erotische Melancholie” verfallen ist. Für Lilia, eine der unerreichten Précieuses, und Ferrante erfindet er sogar eine Tweede Daphne, die er ebenfalls auf eine Südseereise schickt, um nun allerdings in der Welt der Antipoden die schauerlichsten Entdeckungen und Abenteuer bestehen zu müssen. Es kommt wie es kommen muss: am Ende trifft Roberto Ferrante und tötet ihn und auch für Lilia endet die Seereise in der Hölle. Eco überrascht mit einer nicht enden wollenden Abfolge von imaginären Anti-Welten, die vom Leser höchste Aufmerksamkeit erfordern, um nicht den Faden zwischen den verschiedenen Parallelwelten zu verlieren. Schließlich geht es nur noch um die Kunst des Sterbens (Ars moriendi), denn Roberto wünscht sich zumindest ein würdevolles Ende, und so versucht er allen Unwägbarkeiten zum Trotz schwimmend die Insel zu erreichen...
Genauso wenig wie der Leser endgültig etwas über Robertos (wenn auch wahrscheinliches) Schicksal erfährt, so lässt Eco auch die Entdeckung seiner schriftlichen Aufzeichnungen offen. Im Kolophon, der mittelalterlichen Bezeichnung für das Schlusskapitel eines Schriftstückes mit Angaben über den Verfasser, entwirft er zwei Varianten, wie diese Aufzeichnungen nach Europa zurückgekehrt sind, um letztlich als Vorlage für einen Roman zu dienen. Die Technik der Parallelerzählungen setzt Eco also auch für das eigentliche Ende des Romans ein, was den Leser aber nicht unbefriedigt lassen sollte, denn Eco folgt hierin nur den Ideen über das Romaneschreiben im 17. Jahrhundert, die er an verschiedenen Stellen thematisiert (Kap. 28 und 34). Auf diese Weise ist Die Insel des vorigen Tages als Roman nicht nur von seinen Inhalten her (Wissensroman), sondern auch durch seine Erzählstruktur (Paralleluniversen) ein perfektes Abbild seiner Zeit. Durch diese historischen und literarischen, aber auch darüber hinaus gehenden psychologischen und soziologischen sowie theologischen und mythologischen Fragestellungen ist eine in höchstem Maße anspruchsvolle Lektüre garantiert.