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Christian Gülich

Umberto Eco - Die Insel des vorigen Tages (1994).

Ein Beispiel für Ecos Wissensromane

In einem Interview mit der Zeitschrift Lettre International (Heft 33, Sommer 1996) benutzt Eco zwei wichtige Begriffe, um Inhalte und Erzählstruktur seiner Romane zu charakterisieren. Sie seien Wissens- oder Ideenromane, in denen Paralleluniversen entwickelt würden. Im Folgenden wollen wir an einigen Beispielen versuchen aufzuzeigen, wie er diese beiden Merkmale in seinem 1994 erschienenen Roman Die Insel des vorigen Tages umgesetzt hat.

Ausgangspunkt seines dritten historischen Romans ist wie schon bei Der Name der Rose und Das Foucaultsche Pendel “natürlich eine alte Handschrift”. Dieses Mal stehen die Lebenserinnerungen eines jungen italienischen Adligen, Roberto de la Grive, im Mittelpunkt, der zu Anfang der 1640er Jahre an einer Expeditionsreise in die Südsee teilnimmt. Wie nicht anders zu erwarten, erleidet er Schiffbruch, überlebt aber als einziger Passagier, da er - an eine Holzplanke sich selbst gefesselt - schließlich an ein anderes Schiff stößt, auf das er sich retten kann. Zu seinem großen Erstaunen stellt er fest, dass dieses Schiff mit dem Namen Daphne völlig intakt ist, über ausreichend Lebensmittel- und Wasservorräte verfügt, in Sichtweite einer Insel vor Anker liegt und er sich allem Anschein nach aber allein auf diesem Schiff befindet. Allerdings kann er nicht schwimmen und seine sich nun entwickelnde “Bestürzung über die dreifache Einsamkeit: des Meeres, der nahen Insel und des Schiffes” (Kap. 1) wird zum Antrieb für seine schriftlichen Aufzeichnungen, die zu einem sehr viel späteren Zeitpunkt gefunden werden - aber dazu später.

Nach dieser kurzen, im ersten Kapitel des Romans umrissenen Ausgangssituation entwickelt Eco in den nachfolgenden Kapiteln jenes Wechselspiel aus zeitlichen Rückblenden sowie historischen und ideengeschichtlichen Erklärungen, die weit über die Darstellung der Lebensgeschichte des jungen Roberto aus dem norditalienischen Monferrat hinausgehen und in die politische, religiöse, philosophische und naturwissenschaftliche Welt des 17. Jahrhunderts einführen.  mehr...

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